Modellierung von
Einstellungsänderungen in
mit einem Exkurs zur Dokumentation psychologischer Experimente
Klemens Waldhör 1987
Modellierung von Einstellungsänderungen in Gruppen
D i s s e r t a t i o n
ZUR ERLANGUNG DES AKADEMISCHEN GRADES EINES
DOKTORS DER TECHNISCHEN WISSENSCHAFTEN
eingereicht von
Dipl. Ing. Klemens WALDHÖR
angefertigt am Institut für Systemwissenschaften
der Technisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der
Johannes Kepler Universität Linz
Eingereicht bei:
o.Univ.Prof. Dr. Adolf Adam 1. Begutachter
ao.Univ.Prof. Dr. Roland Wagner 2. Begutachter
Linz, 20.8.1987
Diese Arbeit untersucht die Anwendbarkeit von statischen und dynamischen Modellen bei Einstellungsänderungen in Gruppendiskussionen. Es wird gezeigt, daß auch mittels einfacher Modelle eine komplexe Theorie über den sozialen Einfluß von Argumenten in Diskussion (Verstärker-Austausch-Orientierung von Brandstätter) dargestellt werden kann. Verschieden komplexe Modelle werden diskutiert. Die Anwendbarkeit des allgemeinen dynamischen Systems auf Interaktionsprozesse wird demonstriert. Möglichkeiten zur Verwendung des Methodeninventars aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz werden untersucht. Die Theorie der Verstärker-Austausch-Orientierung wird an Hand mehrerer Experimente und dieser Modelle analysiert und bestätigt. Ein Exkurs in der Arbeit beschäftigt sich mit der Wichtigkeit der Dokumentation psychologischer Experimente und schlägt Möglichkeiten zur Durchführung einer solchen Dokumentation mit Computern vor.
This paper investigates the usefulness of static and dynamic models in attitude change in group discussions. It is shown that even a complex theory (exchange-reinforcement theory by Brandstätter) can be stated in simple models. The theory of exchange vs. reinforcement orientation is analysed within four experiments and her predications are confirmed. The usage of the general dynamic systems is demonstrated as well as the methods of artificial intelligence. An excursion examines the importance of documentation of psychological experiments and makes proposals how to use the computer for such a documentation.
INHALTSANGABE zur DISSERTATION
"Modellierung von Einstellungsänderungen in Gruppen"
mit einem Exkurs zur Dokumentation psychologischer Experimente
2. Beschreibung der Problemstellung
2.1.1 Einstellung und Einstellungsänderung
2.1.3 Introversion/Extraversion
2.1.4 Emotionale Stabilität/Labilität
2.2 Zieldefinition für das zu erstellende Modell
3. Psychologische Grundlagen der Interaktion
3.1 Theorien zur Einstellungsänderung
3.2 Theorie der Austausch-Verstärker-Orientierung (AV-Orientierung)
3.2.1 Das allgemeine AV-Modell
3.2.2 Das Valenzspezifische Modell der AV-Orientierung
3.2.3 Grenzen der Einstellungsänderung
3.3 Arbeiten zur AV-Orientierung
4. Formale Modelle zur Darstellung psychologischer Theorien
4.1 Mathematische Modelle in der Psychologie
4.2 Unterschiedliche mathematische Modelle
4.2.1 Das allgemeine dynamische System
4.3. Beispiele mathematischer Interaktionsmodelle
4.3.1 Homan-Simons-Modell der Interaktion
4.3.2 Das proportionale Distanzmodell von BRANDSTÄTTER
4.3.3 Das Balkenwaagemodell von Brandstätter
4.3.4 Ein nicht-lineares Modell zur Meinungsbildung von ERDMANN
4.5. Beispiele nichtnumerischer Interaktionsmodelle
4.5.1 Skizze eines nichtnumerischen Interaktionsmodells
4.5.2 Das RELATE-Modell von HUESMANN und LEVINGER
5. Statische und dynamische Modelle zur AV-Orientierung
5.1 Grundlegender Modellaufbau
5.2 Statische Modelle der AV-Orientierung
5.3 Dynamische Modelle der AV-Orientierung
5.4 Anpassung der Modelle an vorhandene Daten
6. Exkurs: Dokumentation psychologischer Experimente
6.1 Notwendigkeit der Dokumentation von psychologischen Experimenten
6.2 Anforderungen an ein Dokumentationssystem für psychologischen Experimente
6.2.1 Ergonomie des Dokumentationssystems
6.2.3 Unabhängigkeit von bestimmter Hard- und Software
6.3 Möglichkeiten der Dokumentation
6.3.1 Schriftliche Dokumentation
6.3.2 Dokumentation auf magnetischen Datenträgern
6.3.3 Dokumentation auf optischen Datenträgern
6.4 Logische Organisationsformen für psychologische Experimente
6.4.1 Speicherung der Daten in einzelnen Files
6.4.2 Speicherung der Daten in Datenbanken
6.4.3 Wissensbasierte Speicherung der Experimente
7.1 Testung des statischen Modells
7.2 Testung des dynamischen Modells
8. Überprüfung der statischen und dynamischen Modelle an Hand realer Daten
8.1 Validierung der Modelle an realen Prozeßdaten
8.1.1 Ermittlung der Persönlichkeitsfaktoren
8.1.2 Aufbau der verschiedenen Tabellen
8.2 Experiment 1: Grovermann (1982)
8.2.1 Beschreibung des Experiments
8.2.2 Operationalisierung der Modellvariablen
8.2.4 Dynamische Modellprüfung
8.3 Experiment 2: Peltzer & Schuler (1976)
8.3.1 Beschreibung der LIDIA-Experimentserie
8.3.2 Ergebnisse des statischen Modells
8.3.3 Ergebnisse des dynamischen Modells
8.4 Experiment 3: Kirchler & Brandstätter (1985)
8.4.1 Beschreibung des Experiments
8.4.2 Operationalisierung der einzelnen Variablen
8.4.3 Ergebnisse des statischen Modells
8.4.4 Ergebnisse des dynamisches Modells
8.5 Experiment 4: Brandstätter, Ebensperger & Waldhör (1986)
8.5.1 Beschreibung des Experiments
8.5.2 Operationalisierung der Modellvariablen
8.5.3 Testung des statischen Modells
8.6 Metaanalyse der vier Experimente
8.6.1 Allgemeines zur Kombination mehrerer Untersuchungen
8.6.2 Deskriptive Zusammenfassung der statischen Modelle
8.6.3 Ergebnisse der Metaanalyse des statischen Modells
8.6.4 Metaanalyse der dynamischen Experimente
9. Zusammenfassung und Ausblick
Die Zielsetzung dieser Dissertation ist es, formale Modelle zur Einstellungsänderung zu untersuchen und auf ihre Anwendbarkeit auf Daten aus verschiedenen Diskussionsexperimenten zu prüfen. Mit Hilfe des Computers ist es möglich komplexe und umfangreiche Modelle und Datensätze rasch zu überprüfen und zu testen. Eine Möglichkeit solche Modelle und Theorien zu formulieren, besteht in der Verwendung der Sprache der Mathematik. Formale Systeme (Sprachen) geben die Möglichkeit, Theorien und Modelle klar und eindeutig zu beschreiben. Mit Hilfe dieser Beschreibungen ist es dann möglich, Folgerungen, Implikationen, Widersprüche und Konsequenzen eines Modells zu erkennen, dieses zu verbessern und notfalls durch ein besseres zu ersetzen.
Während die Zusammenarbeit zwischen der kognitiven Psychologie und der Informatik im Bereich des menschlichen Denkens und Problemlösens schon "Tradition" hat, sind Arbeiten, die aus einer Zusammenarbeit zwischen Informatik und Sozialpsychologie entstanden sind, eher selten. Die Unterstützung von Seiten der Informatik besteht meist in der Bereitstellung entsprechender Statistiksoftware oder von Software zur Unterstützung sozialpsychologischer Experimente (sh. dazu Sageder & Waldhör, 1985), ist also eher eine Einbahnstraße von der Informatik hin zur Sozialpsychologie. Die Methoden der Informatik werden hiebei eher nur peripher berührt oder verwendet (Graphentheorie, formale Sprachen, Systemtheorie etc.)
Diese Dissertation kann auch als Teil eines Forschungsprojektes zur Gruppenentscheidung am Inst. f. Psychologie bei Prof. Brandstätter betrachtet werden. Dieses Projekt erstreckte sich über mehrere Jahre (1978-1986). Ich habe an diesem Projekt zuerst als Studienassistent und dann als Assistent teilgenommen. Daher war auch die Idee naheliegend, zu der sich als Ergebnis dieses Forschungsprojektes abzeichenenden Theorie der Verstärker-Austausch-Orientierung ein formales Modell zu entwickeln. Gleichzeitig sollten auch auf Anregung von Prof. Brandstätter einige Experimente, die innerhalb des Projektes durchgeführt wurden, unter einem einheitlichen Modell überprüft werden.
Ich will in dieser Arbeit versuchen, mittels einer im Computer repräsentierten sozialpsychologischen Theorie Interaktionsprozesse zu simulieren bzw. Modelle vorzuschlagen, die eine Simulation von Interaktionsprozessen am Computer ermöglichen. Ich werde zwei grundsätzliche Modellansätze vergleichen und auf ihre Tauglichkeit für die Formalisierung und die Simulation der Theorie prüfen: Numerische vs. Nichtumerische Modelle. Unter numerischen Modellen verstehe ich solche, die auf mathematischen Gleichungen beruhen. Nichtnumerische Modelle sind solche, die nicht auf "Rechenmethoden" beruhen, sondern auf semantischen Netzwerken, allgemeiner auf der Modellbildung der künstlichen Intelligenz beruhen.
Zum Abschluss schlage ich ein (relativ einfaches) numerisches Modell der Interaktion vor. Das verwendete Modell baut auf einer Theorie von BRANDSTÄTTER auf, die zwei unterschiedliche Reaktionen in Interaktionen mit einem oder mehreren Partnern vorhersagt; die Theorie unterscheidet Personen, die verstärkerorientiert reagieren sowie Personen, die nach dem Austauschkonzept operieren. Während die ersten auf Angriffe des Partners in Diskussionen etc. mit Nachgeben - auf Grund von Angst - reagieren, beantworten die letzteren Aggression mit Ärger und behalten ihre Meinung bei. Umgekehrt ist die Reaktion bei einem freundlichen Partner. Hier beantworten verstärkerorientierte Personen Freundlichkeit mit selbstgefälligem Beharren, sie fühlen sich in ihrer Meinung bestärkt, während ausgleichsorientierte Personen aus Dankbarkeit nachgeben. Die Theorie wird in Form eines "allgemeinen dynamischen Systems" gemäß einem autoregressivem Modell formuliert; die Schätzung der Parameter erfolgt dann mittels Least-Square-Schätzer. Anhand von Daten, die in Experimenten im Laufe eines Projektes über Gruppenentscheidungen gewonnen wurden, überprüft. Die von mir zur Modellvalidierung herangezogenen Experimente wurden teilweise in Augsburg und teilweise in Linz durchgeführt.
An dieser Stelle möchte ich vor allem Herrn Prof. Brandstätter für seine ständige Unterstützung und Diskussionsbereitschaft sowie meinen Kollegen vom Institut für Psychologie, Gerhard Kette, Erich Kirchler und Wolfgang Wagner für vielfältige Anregungen (vor allem anlässlich eines Workshops in Rom) danken.
In diesem Kapitel werden einige Begriffe abgeklärt, um damit die Voraussetzungen für die Darstellung eines formalen Modells zu geben. Es sollen u.a. folgende Begriffe erläutert werden:
- soziale Interaktion
- der Trait- und Statebegriff in der Psychologie
- Einstellungen
- Emotionen
Soziale Interaktion kann nach Fröhlich & Drever (1978) folgendermaßen definiert werden: Soziale Interaktion ist "die Bezeichnung für die wechselseitige Beeinflussung von Individuen und Gruppen hinsichtlich ihrer Einstellungen und Handlungen durch Kommunikation (symbolische Interaktion)". Soziale Interaktion beinhaltet also mindestens zwei Teilnehmer, die miteinander in Verbindung treten. Die Verbindung muss dabei nicht nur verbaler Art sein, sondern umfasst alle Ausdrucksformen des Menschen, mit denen er seiner Umwelt gegenüber tritt. Dies beinhaltet etwa Mimik, Gestik etc. Soziale Interaktion und Kommunikation wird oft synonym verwendet. Die Abgrenzung zwischen den beiden Begriffen ist schwierig; manchmal wird der eine Begriff als Oberbegriff zum anderen verwendet, manchmal umgekehrt (sh. dazu Watzlawick, 1984). Kommunikation wird auf der Informationsebene angesiedelt, Interaktion auf der Verhaltensebene (Crott, 1979, S. 15). Dieser Unterschied wird etwa in der Interaktionsprozessanalyse, in der die Häufigkeit von Sprechakten, nonverbaler Kommunikation etc. registriert werden, während die Kommunikationsanalyse mehr auf den Inhalt orientiert ist (sh. Crott, 1979, S.15).
Jones & Gerard (1967) verwenden ein Interaktionsmodell, in dem sie Interaktionen als aufeinanderfolgende Verhaltenssequenzen ansehen (sh. dazu auch Brandstätter, Ebensperger & Waldhör, 1986). Die beiden unterscheiden dabei vier mögliche Sequenzen: Pseudokontigenz besteht dann, wenn die beiden Partner nicht vom Verhalten des anderen beeinflusst werden; nur die zeitliche Reihenfolge der Aktionen ist aufeinander abgestimmt. Asymmetrische Kontingenz besteht darin, wenn eine Person die andere dominiert, sodass diese dominierte Person in ihrem Verhalten ihr folgt, nicht aber umgekehrt. Reaktive Kontingenz weisen zwei Personen auf, wenn zwei Personen miteinander ohne besondere Absicht interagieren, dh. keiner der beiden verfolgt ein bestimmtes Ziel mit der Interaktion. Wechselseitige Kontingenz bedeutet, dass beide Partner bestimmte (meist unterschiedliche) Ziele verfolgen, ihre Aktionen und Reaktionen vom Partner mitbeeinflusst werden. Die vier Typen von Interaktionsmustern müssen mit unterschiedlichen statistischen Verfahren "bearbeitet" werden. In Falle der Pseudokontingenz besteht maximal eine zeitliche Korrelation in der Abfolge der Ereignisse, es fehlt der kausale Zusammenhang.
Der Trait- und State-Begriff spielt eine wichtige Rolle in der Psychologie. Traits drücken die interindividuellen Unterschiede zwischen den Menschen aus. Traits sind die Eigenschaften einer Person, die situationsüberdauernd sind. Traits sind nur über einen längeren Zeitraum veränderbar. States hingegen haben eine temporäre Qualität. Sie geben den augenblicklichen Zustand eines Menschen wieder. Traits wirken langfristig, States nur kurzfristig. States können durch die Gleichung
STATE = TRAIT + UMWELT ( + innerorganische Bedingungen)
definiert werden.
Die folgende Abbildung gibt den Zusammenhang zwischen States und Traits wieder.

Abbildung 2.1: State als Funktion von Trait und Umwelt
In einem gewissen Sinn stellen sie Stimmungen eines Menschen dar. States sind damit nur auf der Individualebene definiert (Köhler, 1986). Als Beispiel mag ein optimistischer Mensch dienen. Sein "Trait" wäre eine optimistische Grundhaltung. Aber auch optimistische Menschen sind manchmal niedergeschlagen. Dies könnte durch die Umgebung hervorgerufen werden (Tod eines geliebten Menschen, Versagen in einer Prüfungssituation). Ein ähnliches Beispiel mag eine dominante Person sein. Auch wenn diese normalerweise gegenüber ihren Mitmenschen "herrisch" auftritt, wird sich dies kaum einem Ranghöheren gegenüber empfehlen. Die Situation "Gespräch mit einem Ranghöheren" (= Umwelt) modifiziert also den Trait "Dominanz". Meßtheoretisch gesehen können immer nur States ermittelt werden. Der Trait einer Person kann nur durch die Messung verschiedener States in unterschiedlichen Zeitpunkten ermittelt werden.
Der Begriff der "Einstellung" (engl. attitude) wird in der Psychologie sehr vielschichtig und auch nicht eindeutig verwendet. Im folgenden sollen einige Definitionen von Einstellungen gebracht werden, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Am Schluß wird eine Definition gegeben, die für das hier zu erstellende Modell verwendet wird.
Einstellung kann als "seelische" Haltung gegenüber Ideen, Personen oder Sachen definiert werden. Mit der Einstellung verbunden sind untrennbar Begriffe wie Erwartungen und Wertungen. "Einstellung ist die Art (Akzentuierung, Tönung), der Gerichtetheit, der Ausrichtung des selektiven Vorgehens." (Dorsch, 1976). Diese Definition zielt auf die aktive Verwendung von Einstellungen im Umgang mit anderen Menschen, sozialen Einrichtungen ab. Einstellungen ermöglichen uns, Umweltobjekte entsprechend zu bewerten und zu klassifizieren. Einstellungen stehen nicht für sich alleine, sondern sind in ein Wirkungsgefüge eingebunden. Meist ist nicht möglich, gravierende Änderungen in einer Einstellung vorzunehmen, ohne auch damit zusammenhängende und darauf aufbauende Einstellungen zu ändern. Diese Eigenschaft, ein interdependentes System zu bilden, ist ein wichtiges Merkmal von Einstellungen. Teilsysteme, ohne ihren Zusammenhang im Obersystem und im Zusammenhang mit ihrer Umgebung zu betrachten, kann daher leicht zu vereinfachenden und sogar falschen Annahmen über das Entstehen und die Veränderung von Einstellungen führen.
Aus den Definitionen geht hervor, daß Überschneidungen mit dem Begriff "Meinung", "Überzeugung", "Vorurteil" etc. auftreten. Nach Allport sind Einstellungen relativ spezifische, auf bestimmte, meist soziale Sachverhalte (vor allem soziale Institutionen, nationale oder andere Gruppen) gerichtete und zeitlich wenig stabile Neigungen. Eine Einstellungsdefinition, die sich an Allport hält, gibt Hennige mit "Einstellungen sind erworbene, relativ überdauernde psychische und physische Tendenzen, bestimmte Klassen von Objekten konsistent wahrzunehmen, zu bewerten und sich ihnen gegenüber in bestimmter Weise zu verhalten."
Jung definiert Einstellungen als "grundlegende psychische Reaktionsform gegenüber Situationen und Objekten". Thurstone definiert Einstellungen wiederum als "Grad der positiven oder negativen Empfindung, die an einen beliebigen psychologischen Gegenstand geknüpft sind." Damit haben die Einstellungen eine Bewertungsfunktion, die vorgeben, was gut und schlecht ist und zusätzlich noch wie gut oder wie schlecht etwas ist.
Nach Fröhlich & Drever (1978, S.104) ist Einstellung eine "Bezeichnung für eine relativ überdauernde, durch Umwelteinflüsse (z. B. Erziehung) und Erfahrungen im weitesten Sinne geprägte, mehr oder weniger verfestigte Systeme von Anschauungen, Meinungen oder Überzeugungen, die sich auf bestimmte Aspekte der Welt des Individuums bzw. der Situation hinsichtlich Motivation, der emotionalen Bewegung, des Wahrnehmens oder des Erkennens (Auffassens) und des Verhaltens auswirken. Die Bezugsobjekte von Einstellungen können Gegenstände, Meinungen oder Vorstellungen oder Mitmenschen bzw. Gruppen von Mitmenschen sein."
Einstellungen können sich also auf Personen (den Präsidenten der Vereinigten Staaten) und auf Dinge beziehen. Diese Dinge können real sein (Atomkraftwerk) oder rein geistiger Natur sein ("Wissenschaft"). Einstellungen erfüllen eine wichtige Funktion im menschlichen Leben. Sie beeinflussen die Art, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und aus der Umwelt Informationen selektieren, diese Informationen verarbeiten und auf Grund der Verarbeitung reagieren. Damit ist aber nicht unbedingt gesagt, daß das Verhalten in einer Situation und Einstellungen, die der Situation adäquat wären, konkordant sein müssen, dh. Einstellungen müssen nicht unbedingt zu Verhalten führen, die diesen Einstellungen entsprechen. Einstellungen haben also "Funktionen". Nach Six & Six (zit. nach Stroebe, 1982) können folgende Funktionen unterschieden werden:
- Wissensfunktion
- Anpassungsfunktion
- Rechtfertigungsfunktion
- Abgrenzungsfunktion
Die Wissensfunktion ermöglicht die rasche Kategorisierung und Bewertung von Umweltreizen. Die Anpassungsfunktion ermöglicht die Herstellung und Beibehaltung von sozialen Beziehungen, indem mit gewissen Gruppen gleiche oder ähnliche Einstellungen geteilt werden. Die Rechtfertigungsfunktion gibt einem Gelegenheit, gezeigtes Verhalten zu erklären und Konsistenz zwischen Innen- und Außenwelt zu ermöglichen bzw. zu erhalten. Die Abgrenzungsfunktion bewirkt eine klare Zuordnung, zu welcher Gruppe man gehört und wie und in welchen Dingen andere Gruppen als unterschiedlich erkannt werden.
Zum Einstellungsbegriff gehört untrennbar der Begriff der Einstellungsänderung. Er repräsentiert den dynamischen Teil des Begriffs. Einstellungsänderung ist damit die über die Zeit erfolgende Veränderung der Einstellung. Für das Modell, das hier entwickelt werden soll, werden nur die Einstellungsänderungen betrachtet, die durch Diskussionen in Gruppen (also mindestens zwei Personen) entstehen. Langfristige Änderungen sollen nicht modelliert werden; mit langfristigen Einstellungsänderungen sei hier die Änderung von Einstellung etwa vom Jugendlichen zum Erwachsenen gemeint. Wie Einstellungsänderung erfolgt, wird mit unterschiedlichen Ansätzen erklärt. Solche Modelle sind etwa wahrnehmungspsychologischer, lerntheoretischer oder von funktionalistischer Art. Weiters gehören zu den Erklärungsversuchen noch die Gruppe der Konsonanztheorien. Lerntheoretische Modelle des Einstellungserwerbs und der Einstellungsänderung gehen davon aus, daß Einstellungen genauso wie Lesen und Schreiben erlernt und erworben werden können.
Bei der Betrachtung von Emotionen muß die Umweltorientierung, Bedürfnisbezogenheit, Veränderung der kognitiven Kontrolle und der zentral-nervösen und autonomen Prozesse beachtet werden. Grundemotionen sind etwa Ärger, Freude, Mitleid, Haß etc. Gefühle sind meist (aber nicht durchwegs) positiver oder negativer Art - das Individuum nimmt eine Sache angenehm wahr (Freude) oder negativ (Ärger). Nach Lersch sind dies die Anmutungskomponenten des Gefühls. Diese repräsentieren die kurzfristige Komponente des Gefühls (Gefühlsregungen). Lersch unterscheidet davon eine zweite Grundkomponente des Gefühls: die stationären Gestimmtheiten oder auch Gefühlszustände, umgangssprachlich auch als Stimmungen bezeichnet.
Hier interessieren vor allem soziale Emotionen, also Emotionen, die in Zusammenhang mit anderen Personen auftreten. Soziale Emotionen sind also Erfahrungen, die andere Personen als Gründe oder Ziele haben. Jede Wahrnehmung und Kognition einer Person ist mit Emotionen eng verbunden. (Brandstätter, 1985, S.201) Die durch eine Person ausgelöste Emotion kann zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlicher Art sein.
"In den sozialen Gefühlen erleben wir eine spontane, unwillkürliche Bewertung der Erfahrung und zwar eine Bewertung hinsichtlich der jeweils wirksamen Motive." (Brandstätter, 1983).
Emotionen integrieren die verschiedenen Subsysteme der Persönlichkeit zu den zentralen Werten einer Person. Emotionale Reaktionen entstehen aus Basisstimmungen (mood), welche teilweise die Qualität und Intensität einer speziellen emotionalen Reaktion bestimmen. Der dynamische Aspekt ergibt sich durch die ständige Änderung der Intensität und Qualität der Emotionen.
Dieser von Jung geprägte Begriff zielt auf die Orientierung des Menschen in Bezug auf seine Umwelt ab. In Jung's System stellen diese beiden Begriffe Pole von Persönlichkeitstypen dar. Nach Jung geht der Extravertierte geht stärker in seinen Einstellungen und Handlungen auf die Umwelt ein als der Introvertierte. Die psychischen Energien (Libido) eines solchen Menschen laufen nach außen und es werden eigene Bedürfnisse hintangestellt. Im Gegensatz dazu verwendet der Introvertierte seine Energien nach innen (Neigung zum Spekulieren, Phantasieren etc.). Der Introvertierte ist entscheidungsunfreudig und mißtraut den Mitmenschen.
Introvertierte zeigen rascher und stärker konditionierte Reaktionen. Geselligen, unbekümmerten Menschen fällt es schwer, konditionierte Reaktionen anzunehmen. Introvertierte handeln nach dem Prinzip "Zuerst denken, dann handeln". Die unterschiedliche Konditionierbarkeit der beiden Persönlichkeitstypen kann etwa an Hand von Konditionierungsexperimenten mit Luftstößen auf die Hornhaut nachgewiesen werden (sh. dazu Eysenck, 1983).
Extraversion/Introversion wird mitverschiedenen psychologischen Tests ermittelt. Beim 16-PF-Test von Schneewind (Schneewind et al., 1983) ist diese Persönlichkeitsdimension ein sogenannter Sekundärfaktor (einer von insgesamt fünf). Er wird mit Hilfe einer Faktorenanalyse aus 216 Testitems ermittelt. Der allgemeine Verhaltensstil kann aus Abb. 2.2 (aus Schneewind et al., 1983) ersehen werden. Der Sekundärfaktor Extra/Introversion ergibt sich bei Cattell aus der Summe von fünf Primärfaktoren (sh. Abb. 2.3).
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Geringe Kontaktbereitschaft Hohe Kontakbereitschaft
(Introversion) (Extraversion)
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* zieht es vor etwas alleine * gesellig
zu unternehmen
* eher ersthaft und nachdenklich * impulsiv, begeisterungsfähig
* kühl, reserviert, nachdenklich * aufgeschlossen, warmherzig
* hat ungewöhnliche Ideen und * kümmert sich um praktische
kümmert sich wenig darum, was Bedürfnisse und um andere
andere davon halten * spontan, folgt spontanen
* diszipliniert Einfällen
* selbstbewußt, unnachgiebig * bereit sich anzupassen
--------------------------------------------------------------------------------------------
Abbildung 2.2: Verhaltenstile des Intro/Extravertierten (nach Schneewind et. al., 1983, S. 38)
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=====================================================
Geringe Kontaktbereit. Primärfaktor Hohe Kontaktbereitsch.
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Eigenständigkeit Q2 Gruppenverbundenheit
Besonnenheit F Begeisterungsfähigkeit
Sachorientierung A Kontaktorientierung
Unkonventionalität M Pragmatismus
Selbstkontrolle Q3 Spontanität
Selbstbehauptung E Soziale Anpassung
-------------------------------------------------------------------------------------------
Abbildung 2.4: Primärfaktoren des Sekundärfaktors QV (nach Schneewind et. al., 1983, S. 38)
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Dieser Persönlichkeitsfaktor gibt an, wie stark eine Person emotional auf äußere oder innere Reize reagiert. Emotionale Stabilität kommt im 16-PF-Test als Sekundärfaktor QII vor. Zu seinem Aufbau und Qualitäten sh. Abb. 2.4 und 2.5.
=====================================================
Geringe Belastbarkeit Hohe Belastbarkeit
(Emotionale Labilität) (emotionale Stabilität)
---------------------------------------------------------------------------------------------
* macht sich bei Schwierigkeiten * vertraut auf sich und seine
Sorgen Fähigkeiten
* spontan * diszipliniert und zielstrebig
* leicht zu beruhigen * nicht leicht zu beruhigen
* skeptisch und kritisch gegenüber * vertrauensvoll und
anderen tolerant
* aktiv und angespannt * zufrieden und ausgeglichen
gegenüber anderen zurückhaltend * gegenüber anderen aktiv und
und vorsichtig herausfordernd
---------------------------------------------------------------------------------------------
Abbildung 2.4: Verhaltenstile des Instabilen/Stabilen (nach Schneewind et. al., 1983, S. 36)
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Geringe Belastbarkeit Primärfaktor Hohe Belastbarkeit
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Besorgtheit O Selbstvertrauen
Spontanität Q3 Selbstkontrolle
Emotionale Erregbarkeit C Widerstandsfähigkeit
Skeptische Haltung L Vertrauensbereitschaft
Innere Gespanntheit Q4 Innere Ruhe
Zurückhaltung H Selbstsicherheit
--------------------------------------------------------------------------------------------
Abbildung 2.5: Primärfaktoren des Sekundärfaktors QII (nach Schneewind et. al., 1983, S. 36)
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Emotional stabile Personen weisen also eine größere Belastbarkeit auf als labile Personen. Stabile Personen sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen wie labile Persönlichkeiten.
Dies ist ein Persönlichkeitsfaktor, der angibt, in wie weit eine Person dazu neigt, andere Personen zu beherrschen oder beherrschen zu wollen bzw. deren Verhalten kontrollieren zu wollen. Dominanz als Merkmal zeigen Personen mit unabhängigem, eigensinnigem und zuversichtlichem Verhalten. Submissive Personen dagegen neigen zu unsicherem, unterwürfigem und bescheidenem Verhalten.
Im 16-PF-Test wird Dominanz durch den Sekundärfaktor QIII gemessen. Seinen Aufbau zeigt Abb. 2.6, die jeweiligen Verhaltensstile werden durch Abbildung 2.7 wiedergegeben.
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Geringe Unabhängigkeit Hohe Unabhängigkeit
(Submissivität) (Dominanz)
---------------------------------------------------------------------------------------------
* anpassungsbereit * selbstbewußt, unnachgiebig
* zurückhaltend, vorsichtig * aktiv und herausfordern
* vertrauensvoll, tolerant * skeptisch, kritisch
* ernsthaft, nachdenklich * impulsiv, begeisterungsfähig
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Abbildung 2.6: Verhaltenstile des Submissiven/Dominanten (nach Schneewind et. al., 1983, S. 37)
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=====================================================
Geringe Unabhängigkeit Primärfaktor Hohe Unabhängigkeit
---------------------------------------------------------------------------------------------
Soziale Anpassung E Selbstbehauptung
Zurückhaltung H Selbstsicherheit
Vertrauensbereitschaft L skeptische Haltung
Besonnenheit F Begeisterungsfähigkeit
---------------------------------------------------------------------------------------------
Abbildung 2.7: Primärfaktoren des Sekundärfaktors QIII (nach Schneewind et. al., 1983, S. 37)
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Das Modell, das in dieser Dissertation erstellt werden soll, soll den Prozess der Einstellungsänderung mittels eines mathematischen Modells wiedergeben. Es soll dabei auf einer Theorie der Einstellungsänderung - der Austausch-Verstärker-Orientierung, aufgebaut werden. Das Modell soll auf der Grundlage von persönlichkeitsspezifischen Faktoren Vorhersagen ermöglichen, wie sich eine Person in einer Diskussionssituation auf Grund des Argumentationsstiles der anderen Diskussionsteilnehmer verhält. Das Modell soll mit statischen Methoden testbar sein und an Daten aus Diskussionsexperimenten validiert werden. Das Modell soll sowohl in einer statischen als auch in einer dynamischen Form ausgetestet werden.
Im folgenden sollen die wichtigsten Theorien, die sich mit Einstellungsänderung beschäftigen, beschrieben werden. Es werden dabei nur die Theorien, nicht aber die zu diesen Theorien durchgeführten Experimente, geschildert.
Die ersten Theorien sind lerntheoretischer Art.
Klassisches Konditionieren von Einstellungen. Staats & Staats (zit. nach Stroebe, 1980) gehen davon aus, daß Einstellungen implizit bewertende Reaktionen sind. Diese können durch klassisches Konditionieren erworben werden. Im Falle des klassischen Konditionierens werden kurz vor oder gleichzeitig mit einem emotional getönten Reiz, der eine bestimmte Reaktion hervorruft, ein weiterer (ursprünglich neutraler) Reiz dargeboten. Dadurch wird der vorher neutrale Reiz mit einer emotionalen Tönung versehen. Nach einiger Zeit kann dieser Reiz auch allein die Reaktion hervorrufen. Diese Reaktion wird als konditionierte Reaktion bezeichnet. Nach dieser Theorie ist das Einstellungssystem eines Menschens auf "natürlich unkonditionierten Reizen" aufgebaut. Solche Reize sind z.B. Hunger, Durst, primäre Verstärker wie Essen, Trinken etc. sowie überstarke taktile, auditive, visuelle Stimuli (Stroebe, 1982). Auf diesen aufbauend können (im Laufe der Kindheit) Einstellungssysteme durch oben angeführte klassische Konditionierung erworben werden. Dazu durchgeführte Experimente zeigen, daß Einstellungen auf diese Art erworben werden können, aber nicht müssen. Ein gravierender Nachteil dieser Theorie liegt darin, daß auf kognitive Komponenten der Einstellungsänderung keine Rücksicht genommen wird.
Instrumentelles Konditionieren von Einstellungen. Im Gegensatz zum klassischen Konditionieren muß hier die Person das zu verstärkende Verhalten selbst hervorbringen. Die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten, das zu positiven Konsequenzen für die Person führt, wird erhöht, die Wahrscheinlichkeit im Falle negativer Konsequenzen wird erniedrigt. Hier wird angenommen, daß die Wirkung der Verstärker automatisch erfolgt. Wird die Person für ein Verhalten, etwa eine Meinungsäußerung gelobt, so wird diese Meinung (bzw. die zu Grunde liegenden Einstellung) verstärkt und damit auch die Wahrscheinlichkeit, daß diese Meinung nun öfters geäußert wird.
Staats stellte eine Beziehung zwischen den beiden Konditionierungsarten her. Die Theorie wurde unter der Bezeichnung "integrierten Verhaltenstheorie" von Staats bekannt. Staats unterscheidet in seinem A-R-D-System (Attitude-Reinforcer-Discriminative-System) zur Einstellungs- und Verstärkungsfunktion noch eine diskriminative Funktion, die ein Verhalten auszulösen soll. Der Einstellungsreiz hat drei Funktionen: a) durch klassisches Konditionieren können (bedingte) Reiz-Reaktions-Ketten aufgebaut werden (also komplexe Verhaltensweisen erzeugt werden), b) durch die Verstärkungsfunktion wird das Auftreten eines bestimmten Verhaltens erhöht und c) der diskriminative Reiz löst das Verhalten aus. Da die Reaktion, die eine Person auf Reize hervorbringt, von ihrer Geschichte - durch den Aufbau der einzelnen (konditionierten) Reaktionen auf den unkonditionierten Reiz - abhängt, bedeutet dies, daß ein und derselbe Reiz bei verschiedenen Personen völlig unterschiedliche Reaktionen hervorbringen kann - von negativen, neutralen bis zu positiven Reaktionen.
Es folgen nun zwei konsistenztheortische Ansätze:
Ansätze, die auf der Konsistenztheorie beruhen, gehen davon aus, daß es ein menschliches Bedürfnis ist, die verschiedenen kognitiven Systeme in irgendeiner Form im Gleichgewicht zu halten. Störungen in diesem Gleichgewicht werden durch Umstrukturieren von Komponenten wieder in das Gleichgewicht gebracht. Konsistente, kognitive Strukturen sind solche, die nicht miteinander im Widerspruch stehen.
Heider´s Balancetheorie geht von einer Person P, einer zweiten Person O, mit der P eine Beziehung hat, und einem Objekt X aus, zu dem sowohl P als auch O eine Beziehung hat, nämlich die, die P wahrnimmt. Damit existieren drei mögliche Beziehungen die sich durch folgenden (gerichteten) Graphen darstellen lassen (Abb. 3.1). In dieser Triade (P-O-X-System) können die Beziehungen zwischen den Komponenten entweder eine Gefühlsbeziehung oder eine Einheitsbeziehung sein, die noch negativer und positiver Art sein können. Einheitsbeziehung ist dabei als Zusammengehörigkeit zwischen (zwei) Komponenten definiert. Heider definiert dann eine solche Triade im Gleichgewicht, wenn das Produkt aller drei Kanten positiv ist. Wenn sich ein solcher Gleichgewichtszustand eingestellt hat, besteht ein Widerstand, die einzelnen Bewertungen zu ändern. Ist das Produkt negativ, sollte durch Umbewertung einer Kante das System wieder in das Gleichgewicht gebracht werden. Wie dies geschieht, hat Heider nicht angegeben.

Abbildung 3.1: Die möglichen Beziehungsstrukturen in Heider's Balancetheorie (ohne Berücksichtigung der unterschied-lichen Beziehungsmöglichkeiten).
Die Kongruenztheorie von Osgood und Tannenbaum ist der Balancetheorie ähnlich. Die beiden Autoren gehen ebenfalls von einer Triade mit den Personen P und O und einem Objekt X aus. O kann dabei mit P in einer assoziativen oder dissoziativen Beziehung stehen. Die Kongruenz ist nun von der Beziehung zwischen X und O abhängig. Zusätzlich können die einzelnen Kanten noch unterschiedliche Stärke aufweisen. Im Gegensatz zur Balancetheorie kann sich das System auch dann in Inkongruenz befinden, wenn zwar das Produkt der Vorzeichen der einzelnen Kanten positiv ist, aber die einzelnen Bewertungen unterschiedlich stark sind. In diesem Fall gibt die Kongruenztheorie einen Algorithmus an, wie die einzelnen Bewertungen geändert werden. Bei der Überprüfung des Modells zeigte sich aber, daß es notwendig ist einen Korrekturfaktor einzubauen, der die Glaubwürdigkeit der Informationsquelle O beinhaltet. Diese Funktion erzeugt nun einen kurvilinearen Verlauf der Beziehung zwischen den Objekten. Bei starker Inkongruität wird die Informationsquelle als derartig unglaubwürdig wahrgenommen, daß keine Einstellungsänderung auftritt.
Brandstätter's Theorie der Austausch-Verstärker-Orientierung (engl. Exchange-Reinforcement-Orientation) ist das Ergebnis zweier Forschungsprojekte über die sozialemotionalen Aspekte in gegensätzlichen Diskussionen und bei Gruppenentscheidungen. Diese Projekte wurden an der Universität Augsburg (1972-1978) und an der Universität Linz (1978-1986) durchgeführt. In einem weiteren Projekt "Reanalyse von Diskussionsexperimenten" werden alle zu diesem Thema durchgeführten Experimente unter dem Gesichtspunkt der AV-Orientierung untersucht, wobei auch diese Dissertation als Teil dieses Projekts verstanden werden kann. (Zu den Problemen bei der Reanalyse dieser Experimente siehe Kapitel 6).
In Diskussionen haben die Teilnehmer unterschiedliche Möglichkeiten, bei den Partnern Änderungen in deren Einstellungen zu erreichen. Neben der Verwendung entsprechend guter Argumente (Einflußnahme über den Inhalt und die Qualität des Arguments - sachlicher Informationsfluß - sh. später) kann die Wirkung des Diskussionsbeitrags noch durch emotionale Färbung gesteigert oder erst hervorrufen werden. Die Wirkung des Arguments auf den Empfänger kann unterschiedlicher Art sein. Das Argument kann allein durch seine Qualität überzeugen, aber auch durch die Art und Weise, wie es vorgebracht wird (aggressiv, freundlich, betont neutral etc.), die Einstellung beeinflussen. Eine unfreundliche Bemerkung kann das Diskussionsklima stark negativ beeinflussen, was zu einem Abbruch der Diskussion führen kann. Wenn auch vielleicht noch weiter diskutiert wird, so sind die Diskussionsteilnehmer aber nicht mehr zu Konzessionen bereit. Nun zeigt sich aber, daß Emotionen in Diskussionen nicht gleich wirken (etwa dergestalt, daß Aggression nicht bei allen Personen Angst und Nachgeben hervorruft), sondern daß die emotionale Wirkung, die von einem Argument ausgeht, entscheidend von der Persönlichkeit des Empfängers abhängt. Bei der Betrachtung der Wirkung einer Äußerung muß also die Persönlichkeit der Teilnehmer zusätzlich zu Faktoren wie Wert/Sachthema, Status der Teilnehmer etc. beachtet werden. Einstellungsänderung kann also auf Grund von a) Emotionen und b) von Informationen erfolgen. Der "rationale" Mensch sollte allein durch die (sachliche) Information beeinflußt werden. Für ihn ist unwichtig, wie sehr der Partner wünscht und drängt, daß er sich seiner Meinung anpaßt. Dieser vor allem in der ökonomischen Theorie postulierte Mensch läßt sich durch Emotionen nicht beeinflussen. Dieser "rationale" Mensch existiert aber nicht. Da der Mensch "Mensch" ist und nicht Roboter, werden seine Entscheidungen und Einstellungen durch emotionale Komponenten beeinflußt und geleitet.
Die Einstellungen können z.B. nur durch emotionalen Druck beeinflußt werden. Die hier dargestellte Theorie behandelt die sozialen Aspekte der Emotionen bei Gruppendiskussionen (sh. dazu auch Brandstätter, 1978).
Diskussionen enthalten Komponenten wie interindividuelle Wertkonflikte (im Gegensatz zu intraindividuellen Wertkonflikten, die aber auch während der Diskussion eine Person beeeinflussen können), Verteilungsforderungen (Budgetaufteilung in einer Firma, Gehaltsverhandlungen), Einschätzung von Tatsachen und Folgen von Ergebnissen einer Diskussion. Nun ist es in vielen Diskussionen einer Person gar nicht freigestellt, beliebig ihre Meinung zu ändern, etwa bei Gehaltsverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. In solchen Situationen folgen die Teilnehmer meist gewissen Scripts (Schank & Abelson, 1977), vorgefertigten Manuskripten, die abgespielt werden. Der Handlungsspielraum ist stark eingeschränkt (sh. später). Zusätzlich muß noch zwischen Beobachtern einer Diskussion (den Zusehern einer Fernsehdiskussion) und aktiven Teilnehmern unterschieden werden. Die Möglichkeiten sich abzureagieren sind unterschiedlich bedingt durch die Möglichkeit der Einflußnahme. Der Zuseher kann nur schimpfen, die aktiven Teilnehmer hören das aber nicht, außer die Diskussion ist öffentlich, sodaß die aktiven Teilnehmer eine Rückmeldung via Applaus, Pfui-Rufe etc. erhalten, wie es etwa in einer öffentlichen Diskussion geschieht.
Eine Person, die diskutiert, hat mehrere Möglichkeiten ihren Gesprächspartner zu beeinflussen. Informationstheortisch können diese als unterschiedliche Kanäle aufgefaßt werden, mit denen Einstellungsänderungen beim Partner hervorgerufen werden sollen. Die zwei grundsätzlichen Kanäle sind die verbale und die nonverbale Kommunkation. Nonverbale Kommunkikation wird im Regelfall meist weniger bewußt verarbeitet. Ihre Wirkungen auf die Einstellung oder die Bewertung des Partners erfolgen indirekt. So findet man eine Person unsympathisch und ist sich - denkt man bewußt über diesen Eindruck nach - unklar, warum man sie als unsympathisch empfindet. Meist wird dies dann im nachhinein gerechtfertigt. Verschränkte Arme, überschlagene Beine, offene Armhaltung, Zurückweichen, geballte Faust sind Informationen, die der Sender dem Empfänger zukommen läßt, ohne daß es sowohl dem Sender als auch dem Empfänger selbst vielleicht gewahr wird. Ebenso kann dies auf Seiten des Empfängers - völlig ohne sein "Wissen" - registriert, verarbeitet werden und zu Reaktionen führen. Nonverbale Signale können aber auch bewußt von einer Person verwendet werden, um Forderungen, Unmut etc. auszudrücken. Anders ist es mit der verbalen Kommunikation. Hier kann zwischen dem emotionalen und dem sachlichen Teil der übertragenen Information klar unterschieden werden.
In Experimenten können diese Faktoren natürlich nur zum Teil kontrolliert werden. Während es relativ einfach ist, den rein sachlichen Informationsfluß eines Arguments durch eine instruierte Versuchsperson zu steuern, ist die Kontrolle nonverbaler Signale sehr viel schwieriger und z.B. nur mit einem Schauspieler durchführbar. Ein weiteres Problem liegt im Konstanthalten des emotionalen Ausdrucks einer Person. So zeigten einige Experimente, in denen instruierte Versuchspersonen einen aggressiven Partner mimen sollten, daß dies von den (echten) Versuchspersonen nicht als aggressiv, sondern eher als neutral wahrgenommen wurde.
Bei der näheren Analyse von Experimenten zur Gruppenentscheidung zeigt sich, daß manche Personen den Gesetzmäßigkeiten der Verstärkertheorie (Reinforcement-Theory), während andere Personen in ihren Reaktionen Modellen des sozialen Austausches (Social Exchange-Theory) folgen. In der Konditionierungstheorie (sh. dazu die im Kap. 3.1 ausgewählten Theorien) ist die Verstärkung von Reaktionen das zentrale Konzept. Verhalten, das belohnt wird, wird öfters auftreten, während Verhalten, das bestraft wird, gemieden wird. Wird die Meinung einer Person attackiert, so müßte die Person nach der Konditionierungstheorie diese Meinung in Zukunft meiden, während sie Meinungen, die belohnt (dh. freundlich behandelt oder beantwortet) werden, annehmen müßte. Dies gilt aber nur nicht für alle Personen. Bringt man eine Diskussion zu Heider´s Balance-Theorie in Beziehung, so ergibt sich folgendes Bild: Wenn die Meinung X einer Person P von einer Person O attackiert wird, so kann die Relation der Person P zu X nur positiv sein. Dies zeigt eine Analyse der einzelnen Beziehungen: P->X positiv, P->O negativ, O->X negativ; nach der Multiplikationsregel ist die Triade stabil. Die Person wird also bei ihrer Meinung beharren
Dabei wird von folgenden Annahmen ausgegangen. Nach Brandstätter behalten austauschorientierte Personen ihre Standpunkte bei, falls eine gegnerische Attacke erfolgt, während verstärkerorientierte Personen gegenteilig reagieren. Verstärker vs. Austauschorientierung kann nach Brandstätter als Zustand beschrieben werden, welcher sich als kombiniertes Resultat einer individuellen Disposition (= Anlage) in Bezug auf die Verstärker-Austausch-Orientierung ergibt, und der durch die Umgebungsbedingungen angeregten Verstärker-Austausch-Orientierung.
Die Reaktion einer Person wird also durch zwei Ursachen bedingt:
- die individuelle Disposition (Trait)
und
- durch die Umgebungsbedingungen.
Diese beiden Komponenten ergeben dann den aktuellen State einer Person.
Graphisch kann dies folgendermaßen (Abb. 3.2) veranschaulicht werden:

Abbildung 3.2: Beziehungen zwischen der Person und der Umwelt in einer Interaktionssituation
Man kann also nur auf Grund der Kenntnis beider Parameter(familien) die jeweilige Reaktion verstehen. Dabei ist natürlich zu beachten, daß (normalerweise) die Reaktion der Person auf die Umgebungsstruktur und die Persönlichkeitsstruktur zurückwirkt und sich somit ein dynamisches Wechselspiel aus Umgebung und Person ergibt. Es handelt sich also im Sinne der Systemtheorie um ein offenes System. Weiters kann sich aus Lernprozessen bei selbst ähnlicher Umgebungsstruktur eine von der früheren Situation leicht abweichendes Verhalten ergeben. Diese Adaptivität ist ebenfalls für ein offenes System kennzeichnend. Eine Person, die in ihrer Disposition etwa austauschorientiert ist, kann in einer entsprechenden Situation durchaus verstärkerorientiert reagieren, wenn nur der Druck der Situation stark genug ist. Bei der Überprüfung der Theorie ist also zu beachten, daß auch die Verstärker-Austausch-Wirkung der Umgebung mit einbezogen wird. In der Theorie ist dies bereits implizit enthalten, da die persönlichkeitsspezifische Wirkung von Emotionen auch immer im Kontext mit der Umgebung betrachtet wird.
Die Umgebungsstruktur besteht dabei unter anderem aus a) den Teilnehmern der Interaktion, b) der Art der Interaktion und c) dem Ort und der Zeit(dauer) der Interaktion. Daß etwa unterschiedliche Rangpositionen eine bedeutende Rolle bei Einstellungsänderungen spielen, ist klar; man vergegenwärtige sich eine Situation, wie jemand seine Meinung kundtut und verändert in Gegenwart eines Vorgesetzten (wenn dies auch nur eine "temporäre" Änderung sein kann) und seine Meinung ändert und äußert in Gegenwart von Kollegen. Hier muß auch noch der zeitliche Aspekt einer Änderung in der Persönlichkeitsstruktur berücksichtigt werden.
Wodurch unterscheiden sich nun die beiden postulierten Persönlichkeitsmerkmale "Austausch-Orientierung" vs. "Verstärker-Orientierung" ?
Verstärkerorientierte Personen versuchen bei Angriffen des Partners (Opponenten) diesen durch Nachgeben zu besänftigen; sie ändern ihre Einstellung hin zum Partner; falls der Partner freundlich ist, tendieren sie aber dazu, auf ihrem Standpunkt zu beharren. Sie suchen also die Ursache der Partnerreaktion (freundlich oder feindlich) in ihrem eigenen Verhalten, beziehen dessen Reaktion auf sich. Angriffe schwächen die Person, Freundlichkeit bestärkt sie.
Austauschorientierte Personen reagieren umgekehrt. Ist der Partner unfreundlich (greift die Meinung der Person an und versucht dem anderen seine Meinung aufzuzwingen - dies könnte die Interpretation einer austauschorientierten Person sein), so wird dieser Angriff mit der Person des Partners und seiner Meinung, Einstellung assoziert; die Person beharrt auf ihrer Meinung. Freundlichkeit des Partners hingegen wird mit Entgegenkommen belohnt, man gibt sich großzügig, die Freundlichkeit wird mit der Meinung des Partners in Verbindung gebracht. Austauschorientierte suchen also die Ursachen der Angriffe oder Freundlichkeit des Partners bei diesem.
Generell kann man sagen:
Austauschorientierte Personen schreiben die Ursachen eines Verhaltens, Ereignisses etc. dem Partner zu, während verstärkerorientierte Personen das Partnerverhalten sich selbst zuschreiben.
Gemessen wurde die AV-Orientierung ursprünglich mit einem speziell für diesen Zweck entwickelten Fragebogen. Da sich herausstellte, daß sich zur Operationalisierung des Persönlichkeitskonstrukts "AV-Orientierung" auch der 16-PF-Test (Schneewind et al., 1983) eignet, wurde in den späteren Experimenten dieser Presönlichkeitsfragebogen verwendet. In einer Vergleichsstudie am Inst. f. Psychologie wurden alle Tests, die im Zusammenhang mit den Experimenten zur Einstellungsänderung durchgeführt wurden, auf mögliche Operationalisierungen des Konstrukts "Austausch-Verstärker-Orientierung" geprüft und die entsprechenden Items mittels Faktorenanalyse und Vergleich mit dem 16-PF-Test sowie durch Überprüfung der Operationaliserung durch Experten ermittelt.
Der 16-PF besteht aus 192 Items mit je drei Alternativen, die mittels Faktorenanlyse in sechzehn Primärfaktoren zerlegt wurden und aus diesen wiederum fünf Sekundärfaktoren berechnet wurden.
Für die AV-Orientierung finden folgende drei Sekundärdimensionen Verwendung:
- emotionale Stabilität (Belastbarkeit, Sek.faktor. QII)
- Unabhängigkeit (Sekundärfaktor. QIII)
- soziale Extraversion (Kontaktbereitschaft, Sek.faktor . QV)
Brandstätters Annahmen zu diesen Dimensionen lauten wie folgt:
- extravertierte, instabile Personen sind austauschorientiert
- introvertierte, emotional instabile Personen sind verstärkungsorientiert.
Die Hypothesen zu diesem allgemeinen Modell lauten:
Ist die Person verstärkerorientiert, so werden:
Angriffe mit Nachgeben beantwortet,
Freundlichkeit mit Beharren erwidert.
Ist die Person austauschorientiert, so werden:
Angriffe mit Beharren erwidert,
Freundlichkeiten durch Nachgeben beantwortet.
Es muß dabei aber beachtet werden, daß das Nachgeben und Beharren bei den beiden Persönlichkeitstypen aus unterschiedlichen Gründen erfolgt: Angriffe auf Verstärkerorientierte erzeugen bei diesen Angst, das Nachgeben resultiert aus Angst, während das Nachgeben bei Austauschorientierten aus Dankbarkeit entspringt, also aus völlig anderen Motiven erfolgt als bei Verstärkungsorientierten.
Allgemein gilt auch hier, daß Introvertierte eher verstärkungsorientiert reagieren, um so mehr, je emotional instabiler sie sind. Extravertierte verhalten sich eher nach der allgemeinen Austauschorientierung, dies um so stärker, je emotional instabiler sie sind (sh. Abb 3.3).
